Kritik an der Positiven Psychologie: Die ZEIT rückt die Glücksforschung in die Nähe des Facebook-Datenskandals

Rosenheim, 11.04.2018

Die Positive Psychologie (PP) steht wie kaum eine andere Wissenschaft immer wieder im Kreuzfeuer medialer Aufmerksamkeit. Slavoj Žižeks Artikel „Glück? Nein danke!“ in der ZEIT rückt sie jedoch in irreführendes Licht. Die PP als Wissenschaft des gelingenden Lebens (und Arbeitens) wird oft als „Glücksforschung“ bezeichnet. Nicht ganz zu Recht, denn die PP erforscht wesentlich mehr als „Glück“, z.B. Resilienz, posttraumatisches Wachstum, positive Führungsstrategien u.a.m. Die PP hat das Ziel und die ethische Selbstverpflichtung, Faktoren, die zu diesem Gelingen beitragen können, zu erforschen und möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. Dafür setzen wir uns im Deutschsprachigen Dachverband für Positive Psychologie ein. Wir möchten deshalb Stellung beziehen zu Žižeks missverständlicher Darstellung der Forschung und den daraus abgeleiteten Schlüssen. Denn diese sind tendenziös und grenzen an Irreführung.

Es wird behauptet, die fragwürdige Datennutzung sei durch Cambridge Analytica auf der Basis von Analysen einer Gruppe im Zentrum für Positive Psychologie an der Universität Pennsylvania erfolgt. Žižek nennt zwei Forschungsprojekte der PP und stellt diese als repräsentativ für das gesamte Forschungsgebiet dar: das Comprehensive Soldiers Fitness Training (CSF) und das World-Well-Being Project (WWP). Dabei lässt er es so erscheinen, als ob die dort verwendeten wissenschaftlichen Methoden spezifisch für die Glücksforschung sind. Das ist eine Fehldarstellung! Sowohl die Zusammenarbeit mit dem Militär als Hochrisikogruppe für Traumatisierungen (wie im CSF), als auch das Nutzen von Big Data-Methoden (wie im WWP) gehören zum festen Forschungsrepertoire zahlreicher Fachrichtungen, z.B. der Sozial-, Wirtschafts- oder Politikwissenschaften.

Der klassische Prozess von der Forschung zur Anwendung beinhaltet drei Schritte:

1. Grundlagenforschung (z.B. die Erforschung der Frage: „Was macht Menschen resilient?“) 2. Anwendungsforschung („Wenn wir diese Erkenntnisse nehmen und daraus ein Training für Risikogruppen machen - ist dieses Training wirksam?“). Die gewonnenen Erkenntnisse werden von Wissenschaftlern veröffentlicht und damit allen Menschen zur Verfügung gestellt. Hier endet der Wirkungsbereich der Wissenschaft. Anschließend wird im dritten Schritt dieses Wissen von Praktikern zur Anwendung gebracht; zum Beispiel in Politik, Wirtschaft oder Werbung.

Jede Form von Wissen ist eine Waffe in den falschen Händen. Dabei ist es egal, ob es sich um Glücksforschung, Neurowissenschaften oder Physik handelt. Nicht das neugewonnene Wissen, sondern sein späterer Einsatz entscheidet darüber, ob es sich zum oder gegen das Wohl der Menschen richtet.

Dr. Judith Mangelsdorf, Dipl.-Psychologin, MAPP, MEd
Dr. Daniela Blickhan, Dipl.-Psychologin, MAPP, MSc

Vorsitzende des Deutschsprachigen Dachverbands für Positive Psychologie

Lesen Sie die komplette Stellungnahme an die Chefredaktion der ZEIT

Update 23.04.18
Bisher haben wir nur eine extrem knappe Antwort von der ZEIT erhalten:

"Wir danken Ihnen für Ihre Zuschrift, die wir mit großem Interesse gelesen haben.

Mit freundlichen Grüßen

Adam Soboczynski"

Ressortleiter im Ressort Feuilleton, DIE ZEIT

 

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